Partizpation im Design Thinking

Da ich mich nun seit einiger Zeit mit partizipativem Design beschäftige, kommt von Bibliothekar*innen häufig ein Kommentar wie „Ja, wir machen auch Design Thinking.“.

Warum Design Thinking aus meiner Sicht per se noch nicht etwas mit Partizipation zu tun haben muss, versuche ich in diesem Blogpost zu erläutern. Doch zunächst einmal zur Beruhigung: Ich finde es sehr positiv, dass immer mehr Bibliothekar*innen Fort- und Weiterbildungen zu Design Thinking anbieten und besuchen.

Welche Rolle nehmen Nutzer*innen ein?

Bei Design Thinking geht es um eine nutzerzentrierte Entwicklung und Ausrichtung von Bibliotheken. Hierfür muss ich in einer Startphase die Bedürfnisse meiner Nutzer*innen ermitteln, um das Problem – oder besser die Design Challenge – zu definieren. Nun könnte ich Nutzer*innen befragen, zu einem Workshop einladen, in mein Team aufnehmen oder ihnen Raum und Geld zur Verfügung stellen, diese Design Challenge selbst zu lösen. Dies wären Partizipationsgrade, die ich für den Designprozess festlege.

Oder, ich versuche einfach erstmal selber ein Modell zu bauen, dass ich Nutzer*innen vorstelle, damit sie mir Feedback geben. Dann habe ich zwar keinen partizipativen Designprozess, habe sie aber zumindest in einer konkreten Phase befragt. (Ich nehme mir natürlich die Chance unvoreingenommene frische Sichten der Nutzer*innen zu entdecken.)

Das häufig zitierte und verwendete Toolkit „Design Thinking for Libraries“ sieht die Vorteile von Design Thinking wie folgt:

Design Thinking

Design Thinking for Libraries. 2014 IDEO LP. All rights reserved. http://designthinkingforlibraries.com/

Für mich ein erstes Stutzen. Wenn ich nutzerzentriert arbeite, Nutzer*innen aber als extern bezeichne, habe ich dann ein externes Zentrum? Wenn ich mir die Benefits für Nutzer*innen (in blau) anschaue, steigert es die Verwirrung. Benefits für Nutzer*innen sind:

  • höhere Beteiligung von Nutzer*innen
  • erhöhte Kundenzufriedenheit
  • neue Wege, sich mit der Gemeinschaft zu vernetzen
  • mehr „Bibliotheks-anwälte“ und loyale Nutzer*innen

Moment? Das sind doch aber Benefits für die Bibliothek? Wenn ich nutzerzentriert denke, dann wären aus meiner Sicht Vorteile:

  • meine Bedürfnisse werden gehört und durch die Bibliothek erfüllt
  • die Bibliothek ist ein Ort, an dem ich mich gern treffe
  • ich werde als Person wahrgenommen, die Bibliothek nimmt mich ernst
  • erhöhte Kundenzufriedenheit (lasse ich für beide gelten)

Große Leuchtturmprojekte wie das DOKK1 in Aarhus verwenden Design Thinking UND entscheiden sich für einen hohen Grad an Partizipation. Sie entwickeln nicht automatisch partizipativ, weil sie Design Thinking als Konzept verwenden. Sie haben sich dafür entschieden, beides zu kombinieren.

In anderen Projekten wird nun Design Thinking als Konzept verwendet und auf diese Leuchtturmprojekte verwiesen. In der tatsächlichen Durchführung sieht man jedoch einen geringeren oder keinen feststellbaren Partizipationsgrad. Die Partizipation erfolgt vielleicht auch nur punktuell. Besonders fragwürdig wird es, wenn Nutzer*innen in kreativen Workshops Prototypen entwickeln, damit Bibliotheken ihr bereits bestehendes, aber den Nutzer*innen nicht bekanntes Konzept ggf. anpassen können.

Also zusammengefasst:

Design Thinking anwenden = gute Idee, aber darauf achten, Nutzer*innen nicht als externes kostenloses Feedbackinstrument zu verwenden.

Design Thinking anwenden UND einen Partizipationsgrad festlegen und offen kommunizieren = bessere Idee, Effektivität erhöht.

Titelbild: Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=144470, Credit: Library and Archives Canada/PA-074583

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