Was Bibliotheken und Museen voneinander lernen könnten

In Projekten, in denen Museen und Bibliotheken beteiligt sind, kommt es zeitweise zu kleinen Missverständnissen. Bibliothekar*innen bemängeln eine zu geringe Standardisierung von Museumsdaten, Museolog*innen betrachten verwundert die bisweilen unbeholfenen Partizipationsbemühungen der Bibliotheken. Da ich in beiden Bereichen arbeite, lehre und forsche, denke ich bei einigen Kritikpunkten eher: Was könnte man nur voneinander lernen?

Serielles und Unikales

Erschließungsdaten aus Bibliotheken weisen im Vergleich zu Museumsdaten eine hohe Standardisierung und Verknüpfungsrate mit Normdaten auf. Warum die Daten so einheitlich sind, hat sicherlich mit der Geschichte der gemeinsamen Erschließung in Bibliotheksverbünden zu tun. Warum so etwas nicht auf den Museumsbereich übertragbar ist, lässt sich dadurch erklären, dass der Mehrwert einer gemeinsamen Erschließung bei unikalen Beständen sehr viel geringer wäre. Der Gegenstandsbereich der Museen ist heterogener als der der Bibliotheken, es werden demnach auch heterogenere Daten erwartet. Eine Museumsfachfrau seufzte nach einer Veranstaltung, in der Bibliotheken ihre Best-Practice-Beispiele für den gesamten Kulturerbebereich vorschlugen: „Hätten wir nur Bücher, hätten wir auch nicht diese Probleme.“

Wie kann man diesen Unterschied in eine potentielle Lerneinheit verwandeln?

  • Bibliotheken sind Spezialisten für die gemeinsame Erschließung serieller Objekte. Hier können Museen lernen.
  • Die GND öffnet sich, es ist sehr schön zu sehen, dass sich Museen an einer spartenübergreifenden Entwicklung beteiligen. Das gemeinsame Verwenden von Normdaten wird unsere Bestände mehr vernetzen denn je.
  • Museen sind die Spezialisten für die normierte Erfassung unikaler Bestände und die Erstellung von Verknüpfung zwischen Objekten. Hier können Bibliotheken lernen.
  • Kommunikation über Daten und gemeinsame Nutzung von Daten kann zur Standardisierung beitragen. Dokumentationssprachen gemeinsam zu weiterzuentwickeln ist immer eine gute Idee, da Kulturerbe Institutionsgrenzen ignoriert. (zum Glück).

Der dritte Ort

Die Feststellung, dass Bibliotheken dritte Orte sind, ist schon fast zu einer Art Floskel geworden. Doch auch Bibliotheken haben hier stellenweise unterschiedliche Ansichten, drei werde ich kurz skizzieren:

Museen blicken vielleicht neidvoll auf dieses Geschenk oder die guten Voraussetzungen, ein dritter Ort zu werden, blenden vielleicht die Schattenseiten aus und fragen sich, warum ihnen dieses Glück nicht zuteil wurde:

Um diese Situation genauer zu betrachten, muss man sich zwei Faktoren anschauen:

  1. Die unterschiedlichen Nutzungsarten. Was mache ich in einer Bibliothek als User/Customer/Nutzer*in? Was in einem Museum?
  2. Wie sieht das gängige Bezahlmodel aus?

Wenn wir einen ganz klassischen Service einer öffentlichen Bibliothek betrachten, kommen Nutzer*innen mindestens zweimal, um einen Vorgang abzuschließen: einmal zum Entleihen und beim zweiten Mal zur Rückgabe. Sie betreten also zweimal die Eingangsschwelle und werden vermutlich wiederkommen, hängt auch mit dem Bezahlmodell zusammen, später mehr.

In Museen reicht für eine klassische Nutzung (Besuch einer Ausstellung) der einmalige Besuch. Die Verweildauer ist wahrscheinlich in den meisten Fällen länger als bei dem Besuch der Bibliothek, was vielleicht auch mit dem Bezahlmodell zusammenhängt. Dennoch ist es nachteilig, falls ich ein dritter Ort werden möchte, dass die Person seltener mein Haus betritt.

Das klassische Bezahlmodell einer Bibliothek sieht eine Jahresgebühr vor. Habe ich diese bezahlt, erhalte ich bei jedem weiteren Besuch das schöne Gefühl, dass die Kosten auf die Einzelbesuche heruntergerechnet immer weiter sinken. Ein schönes Flatrategefühl ist sicherlich hilfreich für dritte Orte.

Im Museum sieht das klassische Bezahlmodell so aus, dass ich eine einmalige Gebühr entrichte und mich dann an diesem Tag im Museum aufhalten kann. Ein nächster Besuch kostet wiederum diese Gebühr. Bei mehrmaligen Besuch der Ausstellung kommt vielleicht das negative Gefühl auf, dass ich bei weiteren Besuchen immer weniger Erlebnis/Wissen/Erkenntnis mit nach Hause nehme, die Kosten für jeden Besuch aber gleich sind. Kein angenehmes Flatrategfühl stellt sich ein.

Was könnte man sich nun als Museum ausdenken? Die Jahreskarten für Museen sind vielerorts weitaus teurer als die Jahresgebühr der öffentlichen Bibliotheken. Um die Menschen häufiger ins Haus zu holen, könnte man vielleicht den Ausstellungskatalog im Nachgang verleihen statt ihn zu verkaufen? Dann müssen sie ihn zumindest zurückbringen und kommen ein zweites Mal. (Für Touristen eher weniger geeignet, hier vielleicht ein Versandservice).

Partizpation und Gastfreundschaft

Mein Praxissemester im Studiengang Museologie brachte mich vor elf Jahren ans Überseemuseum nach Bremen. Hier lernte ich das museumspädagogische Projekt FIES – Forschen in eigener Sache kennen und dokumentierte den Projektverlauf. Grob gesagt ging es darum, Schüler*innen während eines Schulhalbjahres die Möglichkeit zu geben, ein selbstgewähltes Thema zu erforschen und ihre Ergebnisse in Form eines Films, eines Theaterstücks, einer Modenschau oder einer Webseite im Museum zu präsentieren. Die Erwachsenen waren als Facilitator dafür zuständig, dies den Schüler*innen zu ermöglichen. Dieser extrem hohen Stufe der Partizipation begegnete ich zunächst mit großer Skepsis, aber alle konnten an ihrem großen Tag unglaubliche Leistungen präsentieren. Ein so hoher Grad an Partizipation ist in Bibliotheken nicht so häufig festzustellen. Ehrlicherweise natürlich auch nicht in allen Museen. Dennoch gehen die Vorstellungen von Partizipation von Museen und Bibliotheken auseinander.

Warum? Ein Erklärungsversuch wären die unterschiedlichen Aufträge der Institutionen und die Erwartungen von Trägern und Geldgebern. Im Ausstellungswesen der Museen werden Fehler oder ausbleibende Erfolge schneller sichtbar als z.B in der Erwerbung einer öffentlichen Bibliothek. Wenn Neuerwerbungen nicht ganz den Geschmack der Nutzer*innen treffen, wird es nicht sofort einbrechende Nutzungszahlen geben, der Gesamtbestand kann als „sichere Bank“ kleine Fehlentwicklungen abpuffern, ohne dass das Feuilleton die Bibliotheksleitung in Frage stellt. Wechselausstellungen in Museen werden hinsichtlich ihres Refinanzierungsgrades, ihrer Besuchszahlen und der Auswertung des Pressespiegels verglichen. Die Gründe für Beobachtungen, Befragungen und Einbeziehung von Besucher*innen in der Themenauswahl sind vielleicht auch in dieser (scheinbaren) Vergleichbarkeit zu suchen. (Dass Museen auch unter dieser Eventisierung leiden, ist kein Geheimnis).

Was könnte man hieraus voneinander lernen?

  • Museen verfolgen vielleicht schon etwas länger partizipative Grundsätze, die Museumspädagogik leistet hier sehr gute Arbeit, es könnte als Inspiration für Bibliotheken dienen. Sie sind zudem die Rolle als Gastgeber*in gewohnt.

Fazit

Auch wenn der Blogpost zunächst als ein Beschwichtigungsversuch zwischen Museen und Bibliotheken gedacht war, hat es Spaß gemacht, die Vorzüge der beiden Welten genauer zu betrachten. Mehr und mehr merke ich, wie schön es ist, in beiden Welten zu arbeiten 😀.

2 Gedanken zu “Was Bibliotheken und Museen voneinander lernen könnten

  1. Antje Theise schreibt:

    Liebe Swantje, vielen Dank für Deinen wichtigen Beitrag. Ich stimme Dir voll und ganz zu, dass Bibliotheken und Museen voneinander lernen und viel näher zusammen rücken sollten. Das Projekt GND4C ist dabei eine Chance, finde ich. Aber auch Portale wie das Graphikportal oder Initiativen wie die Provenienzforschung sollten als gemeinsame Plattform genutzt werden. Und in Bibliotheken, gerade in den historisch gewachsenen, gibt es ebenfalls viele unikale und auch Museumsbestände. Wir sollten unbedingt dran bleiben, zusammen Zugang und Partizipation zu ermöglichen. Nur in der Nutzung und Interaktion bleiben die Bestände, egal in welcher Institution, sichtbar und lebendig.

    Gefällt 1 Person

    • sdogunke schreibt:

      Ja! Gerade das Graphikportal ist mein Beispiel dafür, dass Bestände keine Spartengrenzen kennen. Eine Graphik hat sich ja nie dafür entscheiden, eingeklebt in einem Band in die Bibliothek zu gehen, in der Graphischen Sammlung eines Museums zu landen oder als „Mitgesandt“ im Archiv zu bleiben. Dennoch erschließen wir die Graphiken auf unterschiedliche Weise und bieten disparate Zugänge

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