Partizipatives Design in Digital Humanities Projekten – Teil 1

In der nächsten Zeit werde ich abschnittsweise eine schriftliche Form meines Vortrags zur DHd in Paderborn veröffentlichen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass ich nur eine Auswahl aus dem Maßnahmenkatalog vorstellen konnte und diesen gerne laufend ergänzen möchte. Mit dem Thema habe ich mich während meiner Zeit beim Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel und als Lehrkraft an der HTWK Leipzig beschäftigt. Für meine Masterarbeit im Fernstudiengang „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ an der HU Berlin konzentrierte ich mich eher auf Anwendungsgebiete im bibliothekarischen Bereich.

Die Bedarfsanalyse stellt einen zeitaufwendigen und kaum abzuschließenden Teil in jedem Projekt dar. Eine Option, um das im Call for Papers genannte Problem der Umwandlung von geistes- und kulturwissenschaftlichen Fragestellungen in Anforderungen an digitale Infrastruktur und Services anzugehen, wäre der Einsatz von partizipativem Design.

Der Erfolg für digitale Infrastruktur und Services und unsere digitalen Ergebnisse, die unter dem Dach der Digital Humanities entstehen, wird häufig an Nutzer*innen- oder Zugriffszahlen gemessen. Hieran wird entschieden, ob Projekte weiter gefördert oder in den Betrieb überführt werden. Seit fast zehn Jahren wird für den Aufbau virtueller Forschungsumgebungen empfohlen, mit Nutzer*innen gemeinsam oder zumindest nutzer*innenzentriert diese fachspezifische digitale Infrastruktur zu entwickeln (Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur, 2011).

Warum Design?

Verstehen wir Design als eine Art Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Technologie (Cross et al.), scheint es logisch, sich mit Designprinzipien und -techniken zu beschäftigen, wenn man neue Services oder eine digitale Infrastruktur entwickelt. Die starke Einbeziehung der späteren Nutzer*innen verspricht, viele Probleme zu lösen, bzw. sie erst gar nicht entstehen zu lassen.

Doch warum brauchen wir in unserem Team jemanden, der sich mit Design beschäftigt? Warum entwickeln die Nutzer*innen ihre Werkzeuge nicht gleich selber? Auch wenn wir (nicht zuletzt auf den DHd-Tagungen) sehen, dass Wissenschaftler*innen eigene Tools entwickeln, werden wir an den Punkt kommen, an dem die Probleme komplexer werden und wir unsere eigenen Werkzeuge nicht mehr selbst entwickeln können (oder sollten). Auch die so häufig angemahnte fehlende Nachhaltigkeit unserer Eigenentwicklungen verlangt eine Professionalisierung.

Die Designbeispiele, die ich im Vortrag herangezogen habe, sind:

  1. Eine Saucière aus einem Porzellanservice von 1902. Es wurde von Henry van de Velde entworfen und von der Staatlichen Porzellanmanufaktur in Meißen umgesetzt. (Bildersuche: Saucière, Peitschenhiebdekor Henry van de Velde)
  2. Die Frankfurter Küche, entworfen und umgesetzt von Ernst May und Margarete Schütte-Lihotzky von 1926.

  3. Die von der Firma Braun entwickelte Küchenmaschine KM3, die seit 1957 verkauft wurde.

Das erste Beispiel habe ich gewählt, da es einen guten Einblick für mögliche Probleme in interdisziplinären Entwicklungsteams zeigt. Der Künstler Henry van de Velde wurde gebeten, einen Entwurf für ein Porzellanservice zu liefern. Die Porzellanmanufaktur erhoffte sich von der Zusammenarbeit mit Jugendstilkünstlern höhere Verkaufszahlen und ein positives Image.  Die Zusammenarbeit gestaltete sich schwierig, der Briefwechsel zeigt, dass die Manufaktur die ersten Entwürfe zurückwies und der Künstler ungehaltener wurde. Einige der gelieferten Entwürfe waren zu modern oder nur schwer umsetzbar, da Henry van de Velde bis zu diesem Zeitpunkt keine Erfahrung mit den Herstellungsprozessen von Porzellan hatte. Es wurde ihm ein Techniker zur Seite gestellt, der die ihm früheres Feedback geben sollte. Das entstandene Service wurde kein Verkaufserfolg, die Zusammenarbeit zwischen den van de Velde und der Manufaktur war nach diesem einen Projekt bereits beendet (Dogunke, 2013). Vielleicht hatte jede*r von uns in einem Projekt bereits das Gefühl, in die Rolle der Manufaktur oder Henry van de Veldes geraten zu sein. (Oder man ist ein*e Techniker*in und stößt zu einem ’schwierigen‘ Projekt hinzu.)

Das zweite Designbeispiel ist bereits erfolgreicher, aber warum? Der Ansatz der Frankfurter Küche dürfte bekannt sein: Optimierung durch Daten. Es wurden alle Handgriffe in einer Küche analysiert, um so Perfektion zu erlangen. Man könnte es vielleicht auch mit heutigen User Experience Design vergleichen. Um eins gleich vorweg zu nehmen: partizipativ ist hier weder der Ansatz noch der Entwicklungsprozess. Man hat die späteren Nutzer*innen beobachtet, Daten gesammelt, diese ausgewertet und auf Grundlage dieser Erkenntnisse eine optimierte Küche gebaut. Vielleicht wurden zu Beginn Interviews geführt oder am Ende ein Test mit Nutzer*innen durchgeführt, doch es bleibt ein Unterschied, ob ich nutzer*innenzentriert designe (wie vielleicht in diesem Fall) oder Nutzer*innen in den Entwicklungsprozess einbinde. Dazu mehr im nächsten Blogbeitrag. Heute würden wir mit einer Frankfurter Küche wenig anfangen können, da sich die Gesellschaft und auch unsere Gewohnheiten geändert haben. Wer bügelt heute in der Küche auf einem ausziehbaren Bügelbrett? Dieses Beispiel könnte bereits ein Hinweis darauf sein, dass wir viele Informationen über spätere Nutzung benötigen, um bessere digitale Werkzeuge, Services und Infrastruktur zu entwickeln.

Das dritte Beispiel, die KM 3, die 1957 entwickelt und bis in die 1990er Jahre verkauft wurde, zeigt, welchen Stellenwert Design in einem Unternehmen einnehmen kann (Woodham 1997). Ich würde es vielleicht als das erfolgreichste der drei Beispiele aus der Designgeschichte bezeichnen. Die Gründe für den Erfolg sehen wir heute in der veränderten Unternehmenskultur und -organisation. Design wurde als Grundlage des Handelns gesehen, andere Unternehmensbereiche mussten sich dem unterordnen. Hilfreich dürfte auch die Marktsituation in den 1950er Jahren gewesen sein. Es gab bereits Küchenmaschinen – man musste also kein völlig neues Produkt anpreisen – und konnte aus den Fehlern der anderen Marktteilnehmer*innen lernen. Zudem konnte man sich durch zwei Punkte von der Konkurrenz abgrenzen: Die neue Antriebsform im innen liegenden Rührschüsselrand und die vergleichsweise kompakten Maße. Dieses Beispiel könnte vielleicht darauf hindeuten, dass wir nicht nur punktuell unsere Arbeitsweise anpassen müssten, um den Erfolg von professionellem Design zu ernten, es braucht große Veränderungen in unserer Arbeit (und auch unser Projektumfeld).

Dieser erste Teil ist zunächst ein Opener zum Hauptthema „Partizipatives Design in den Digital Humanities“ und betrachtet den Designaspekt, der erfreulicherweise in vielen DH-Projekten bereits umgesetzt wird (z.B. im Urban Complexity Lab der Fachhochschule Potsdam). Im zweiten Teil werde ich mich eher auf den Bereich Partizipation konzentrieren, dann folgt die Checkliste, der Maßnahmenkatalog und ein Use-Case.

 


Cross, Nigel, und Design Research Society, Hrsg. 1972. Design participation: proceedings of the Design Research Society’s conference, Manchester, September 1971. London Academy Editions, S. 6.

Dogunke, Swantje: Peter Behrens und Henry Van De Velde : ein Vergleich ihrer Keramik. In: Föhl, Thomas, Sabine Beneke, Peter Behrens, Kunsthalle Erfurt, und Klassik Stiftung Weimar, Hrsg. 2013. Peter Behrens: vom Jugendstil zum Industriedesign ; [Kunsthalle Erfurt, 24. März bis 16. Juni 2013 ; Ausstellung im Rahmen des Van-de-Velde-Jahres 2013 in Thüringen und Sachsen]. Weimar: Weimarer Verl.-Ges., „S .185

Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur. 2011. „Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur in Deutschland“, S. 254.

Woodham, Jonathan M. 1997. Twentieth century design. Oxford history of art. Oxford ; New York: Oxford University Press., S. 155

 

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